is

Reisebericht durch das Land der Skipetaren (2016)

Geschrieben 19.10.2016 – 09:38 (jeep-forum.de)


Man möge mir den wahrscheinlich schon etwas abgedroschenen Reiseberichtstitel nachsehen aber er hat sich mir einfach aufgedrängt. Wenn wir schon auf den Spuren von Karl Mays Protagonisten wandeln (Pierre Brice alias Winnetou in Kroatien und Kara Ben Nemsi Effendi in Albanien), dann darf auch der Buchtitel nicht unerwähnt bleiben.


Einige Erfahrungen und 4560 Kilometer reicher kann ich sagen, die «autobahnintensive» Hinreise hat sich gelohnt, in Albanien wird man mit schlechten Strassen – genau was unsereins sucht – belohnt. Es ist schon so, dass auch in Albanien sukzessive die Wellbleche mit Teer gebändigt werden, bis sich aber das ganze Land mit flüsterleisem Asphalt aufgerüstet hat, dürfte noch ein paar Jahre mit beschwerlichen Tracks gerechnet werden.


Was uns im Land selber erwartet hat, entsprach nicht ganz unseren, zugegeben etwas voreingenommenen, Erwartungen. Die Albaner sind sehr freundlich und zuvorkommend. Gastrecht wird grossgeschrieben und entsprechend zelebriert. Fährt man auf den Pisten im Gebirge, so passiert man nicht selten Dörfer, deren Bewohner allesamt freundlich zuwinken. Hier fühlt sich niemand durch unsere «Viermalviers» belästigt. Ein Daumen hoch ist häufig, gehe ich doch davon aus, dass es auch dortzulande als wohlwollende Geste gemeint ist, wenn auch Ja und Nein wie auch das Nicken und Kopfschütteln nicht das Gleiche ausdrücken, wie der naive Mitteleuropäer annehmen würde.


Was noch komplett fehlt und hoffentlich auch so bleibt, sind lästige Kinderhorden, die sich an die Stossstange heften, um nach Süssigkeiten zu betteln. Deshalb habe ich mir all meine präventiv mitgebrachten Gummibären selber einverleibt, was meiner Low Carb Ernährung zwar nicht zuträglich war, aber man will ja den Nachfolgern nicht die Reiselust verderben, indem man Fehlerziehung leistet.


Wer allerdings auf schöne Städte und Dörfer (es gibt einige wenige Ausnahmen, wie beispielsweise Berat), kultivierten Strassenverkehr und Umweltschutz abfährt, der dürfte in Albanien wohl nicht auf seine Kosten kommen. Nach wie vor wird der ganze Müll direkt aus der guten Stube heraus in die freie Natur gekippt, mehrstöckige Bauruinen, in denen oft nur ein Stockwerk, meist das oberste (!?) bewohnbar ist, sind ebenso Standard, wie die ständige und zuweilen todesmutige Überholerei trotz fett gezogener Sicherheitslinie oder die allgegenwärtigen «stinkig-kriechenden Mercedessen» aus dem letzten Jahrhundert.


Tankstellen gibt es entweder massenhaft oder aber man sucht sie vergeblich, ganz abhängig davon, ob der Tank grad leer oder voll ist. Was fast alle Tanken gemeinsam haben, ist die fehlende Möglichkeit, mit Kreditkarte zu befüllen. Euro geht aber gut. Man wird das Gefühl nicht los, das Land hätte keine eigene Währung, denn zumindest uns wurde die Rechnung immer in Euro gemacht und dann umständlich mit verkaufsstrategisch grosszügigem Kurs in Leke umgerechnet. Weil man dabei aber immer noch weitaus günstiger kommt als beim italienischen Nachbar, respektive die urige Landeszunge sowieso nicht beherrscht, hält man das stänkernde Maul und schluckt auch diese Kröte.


Wer gerne Ruinen, Ausgrabungen und andere Altertümer besuchen möchte, der findet diese zwar ganz zahlreich, leider sind davon aber nur wenige in einem Zustand, der sich mit dem nahen Ausland vergleichen lässt. Dafür sind die Besuche der Stätten kleine Abenteuer und der Eintrittspreis meist bescheiden.


Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, der weiss nun, worauf es meiner Meinung nach in Albanien ankommt: Gewaltige Berge, Offroad pur, ursprüngliche Landschaften, blaue Lagunen, freundliche Menschen, den Weg blockierende Kühe und Schafe (Söckibären), kaum Fahrverbote, gutes Essen: exzellenter Honig, ordentlicher Wein, aromatischer Raki, frischer Käse und süsse Früchte. Ach ja, auch das Bier ist ganz passabel!


Bemerkung am Rande: Es gibt auch Regionen, die man zumindest während der Erntezeit von Cannabis meiden sollte. Bewusstseinserweiternd sind allenfalls die Begegnungen mit den Schergen der örtlichen Mafia und ich wiedergebe hier nicht einfach nur Gelesenes, sondern Erlebtes. Wäre ja auch zu schade, wenn man der chaotische Strassen- und Verkehrssituation erfolgreich getrotzt hat um dann ganz banal wegen einem etwas pressierten Marihuana-Kurier das Leben auf einem Feldweg auszuhauchen, ganz ohne blauen Dunst, notabene.


Wer nun Lust verspürt, dem Land der Skipetaren auch einen Besuch abzustatten, dem empfehle ich Wikiloc als Quelle für interessante Tracks oder ganz einfach ein bisschen Mut, den weissen Linien zu folgen, welche selbst auf den aktuellen Strassenkarten zu finden sind. Unsere zweite oder dritte Nacht im Vermosh-Tal tat sich mit 1 Grad Celsius speziell hervor, auch hier gilt also: Winter is coming…